In Engertsdorf leben um die 180 Menschen – und über 30 „Holzköpfe“! Zuhause sind diese auf dem Hof von Uwe und Evelyn Dombrowsky. Am liebsten hängen sie den ganzen Tag ab und überlassen das Reden dem 65-Jährigen und seiner Ehefrau Evelyn. Denn die Beiden sind professionelle Puppenspieler und mit ihrem Wandermarionettentheater die meiste Zeit des Jahres „überall und nirgends“ unterwegs. So wie Uwe’s Vater und Großvater und Urgroßvater…

Vorhang auf für Gräfin Cosel

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Seit sieben Generationen liegt das Strippen ziehen bei Uwe in der Familie – und jemals etwas anderes zu machen, kam für ihn nie wirklich in Frage. „Ich weiß, dass ich als kleiner Junge eigentlich Briefträger werden wollte, aber das hat sich schnell gelegt“, erinnert er sich grinsend. Stattdessen trat er in die Fußstapfen seiner Vorfahren und machte ab 1971 eine Ausbildung zum Puppenspieler am deutsch-sorbischen Puppentheater in Bautzen, „Meine Eltern haben mir gesagt: Wenn du keine entsprechende Ausbildung hast, wirst du in der DDR keine Lizenz und damit Betriebserlaubnis für dein eigenes Theater bekommen.“

Kleingedrucktes lesen lohnt

Es sollte ein Jahrzehnt vergehen, bis Uwe sich zusammen mit seiner frisch Angetrauten und eigenem Puppentheater endlich selbständig machen konnte – und durfte! „Nach Ablegen der Bühnenreifeprüfung war ich erst zwei Jahre ans Theater in Bautzen gebunden, stellte dann den Lizenzantrag, ohne in den folgenden anderthalb Jahren Grundwehrdienst irgend etwas zu hören“, rafft der 65-Jährige die Zeit zusammen. Erst als er – zurück von der Armee – keiner Arbeit nachging, kam Bewegung in die Sache. „Nicht zu arbeiten ging in der DDR gar nicht! Entsprechend wurde ich vor den Rat des Kreises zitiert.“

Es entsponn sich ein Dialog, wie er auch in einem der 127 Stücke zu finden sein könnte, die von Hand verfasst und fein säuberlich archiviert von einer Generation zur nächsten gereicht wurden.

-Auftritt Uwe Dombrowsky-

Rat des Kreises: „Warum arbeiten Sie nicht?“
U.D.: „Ich darf nicht!“
(Ungläubiges Gemurmel beim Rat des Kreises)
RdK: „Warum nicht?“
U.D.: „Weil ich vor fast zwei Jahren einen Lizenzantrag gestellt habe und im Kleingedruckten steht, dass ich mich, so lange ich keinen Bescheid habe, nirgendwo anders bewerben darf…“

14 Tage später hatte er die Lizenz zum Spielen und kurz darauf das Theater. Ein Leichtes in einer großen Familie von Artisten und Puppenspielern.

Köpfe tauschen erwünscht

Nur um die 30 Puppen und einen ganzen Schwung „Extraköpfe“ umfasst das wandelbare Ensemble der Engertsdorfer, denn „Wie bei ‚echten‘ Schauspielern werden die Puppen für jedes Stück anders eingekleidet. Da man in Sachen Perücken und Kopfbedeckungen aber nur begrenzt was machen kann, werden öfter mal die Köpfe getauscht“, erzählt „Papa“ Uwe schmunzelnd. Wenn das im „echten“ Leben auch funktionieren würde…

Das Theater in Bildern

Ein Original von 1917

Unterdessen sind wir im Herzen seines Hofs angelangt. Denn auch wenn Dombrowskys größtenteils außer Haus spielen, haben sie im ersten Stock ein Stück Marionettentheatergeschichte konserviert: Die original Bühne von 1917, die sie vor vielen Jahren dem Enkelsohn von Curt Kressig abgekauft und wieder hergerichtet haben. „Der Aufbau ist sehr aufwendig, alles ist auf Leinwand gemalt. Der Vorhang wurde bestimmt schon 60 000 bis 80 000 Mal ausgerollt“, schätzt Uwe Dombrowsky. Dass das Schmuckstück nicht mehr mit auf Tour gehen kann, sondern eine kleinere Kopie davon, ist der Architektur der Moderne geschuldet. „Wir brauchen vier Meter Deckenhöhe. Das findest du heutzutage nur noch an wenigen Spielorten.“

360 Grad Foto Backstage, Foto: Maike Steuer

Der Kasper ist sein Liebling

Hinter der Bühne warten die unterschiedlichsten Marionetten auf ihren Einsatz, darunter auch der Kasper, „Papa’s“ Liebling. Doch anders als beim klassischen Handpuppentheater hat dieser Kasper mit „Tritratrullala“ nicht viel am Hut. „Er ist die einzige Figur, die in jedem Stück, aber in den unterschiedlichsten Rollen und Funktionen auftaucht und entsprechend wandelbar ist“, schwärmt der Profi. Wobei der Kasper und seine Kollegen bis zum ersten Weltkrieg ausschließlich erwachsenes Publikum mit ihren Geschichten unterhielten. „Denn Kinder hatten ja kein Geld.“ Erst im zweiten Weltkrieg verschob sich der Fokus hin zu jüngerem Publikum. Uwe Dombrowsky spielt gern für Kleine wie Große. „Theater im ländlichen Raum hieß früher, überhaupt die Möglichkeit zu haben, ins Theater zu können. Denn in die Stadt war der Weg zu weit.“ Heute hätten zwar viele ein Auto und müssten „nur“ die 20 km nach Altenburg fahren, aber: „noch schöner finden es die Leute aus dem Ort, wenn sie wortwörtlich ins Theater gehen können.“

Die letzten Mohikaner

Ein Leben ohne „seine“ Puppen will und kann sich der dreifache Opa nicht vorstellen, auch wenn ihm die typisch vorne rüber gebeugte „Puppenspielerhaltung“ gepaart mit dem stattlichen Gewicht der Puppen zunehmend in den Rücken geht. „Ich bin Rentner und kann trotzdem nicht aufhören!“ Wohl auch ob der Vorstellung, dass sein letzer Vorhang das Ende einer über zweihundert Jahre alten Familientradition bedeuten wird: „Unsere Tochter macht etwas anderes und unsere drei Enkel sind noch zu klein. Wir sind die letzten Mohikaner.“