Neujahrsvorsätze fassen viele. Nicht mehr rauchen, weniger Süßes naschen, mehr bewegen – die Klassiker. Aber wie wäre es, vier Wochen mal Ausreden „zu fasten“? Kein ich könnte, hätte, wäre mehr, sondern kann, werde, bin. Susann Seifert hat genau das durchgezogen, 19 Jahre „sicheren“ Alltag abgestreift und sich neu erfunden. Mit Erfolg! Erst Anfang Dezember erhielt sie die bezaubernde Nachricht aus Zürich: 370 000 Euro Fördermittel von der drosos Stiftung. Von einer Frau mit vielen Gesichtern, deren Dreadlocks Teil ihrer Lebenseinstellung sind. 

370 000 Euro! Davon kaufen sich manche eine schicke Hütte, Susann Seifert sichert damit den Fortbestand „ihrer“ Stadtmensch Initiative. Auch wenn sie es sehr merkwürdig findet, als deren „Chefin“ in den Medien zitiert zu werden, ist sie doch auch Elternteil eines Gedankens, der einer Handvoll Leuten 2018 kam. Damals keimte die Idee zur heutigen Stadtmensch Initiative – und fiel beim Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat auf fruchtbaren Boden. Das Ergebnis: Eines von vieren aus 100 Projekten, die drei Jahre lang mit 664 000 Euro gefördert werden. Der Wahnsinn und für die 39-Jährige damals schwer greifbar: „Viele haben uns unterstellt, dass wir das nur gegen die Wand fahren können, als die große Förderung kam. Das sagt auch sehr viel, finde ich“, sagt sie und gibt freimütig zu: „Wir wachsen auch jetzt immer noch rein in diese neue Welt. Hätte ich gewusst, was kommt, weiß ich nicht, ob ich den Antrag einfach so abgeschickt hätte.“

Alles auf Sicherheit

Dass die gebürtige Altenburgerin mal mit derartigen Summen scheinbar mühelos jonglieren würde, dass sie arbeiten kann, wann und wo sie will und mittendrin in einem sich immer weiter verzweigenden Kreativnetzwerk hockt – ein real gewordener Traum, der lange Zeit auf dem Standstreifen wartete. Denn so unkonventionell und wild sie optisch schon in jungen Jahren mit ihren verfilzten, bunten Haaren aus der Reihe tanzte, im Herzen trägt die Stadtmacherin auch eine „sichere“ Seite. Dem Schulabschluss folgte eine Ausbildung in der Stadtverwaltung, schloss sich nahtlos eine Festanstellung und eine Weiterbildung an garniert von privatem Glück mit Heirat und drei Kindern in jungen Jahren. Eine gemächlich plätschernder Lebenslauf, der mit 28 Jahren das erste Mal ins Stocken geriet: Krebs! Susann Seifert kämpfte, setzte sich mit ihrem möglichen Ableben auseinander und der Frage: „Würd ich jetzt sterben, wär ich zufrieden?“ NEIN! Diese Erkenntnis sei der erste große Ruckel gewesen, sich zu verändern, erinnert sie sich. Doch es sollte bis zum Sommer 2016 dauern, bis sie bereit war, den Schlussstrich zu ziehen. Von einem Tag auf den anderen und ohne auch nur ansatzweise zurückzublicken, kündigte sie. Ohne zu wissen, was wird, mit der Verantwortung für drei Heranwachsende, aber dem brennenden Wunsch, der sich inzwischen als Tattoo auf ihrem Arm abzeichnet: Raus aus dem Verwaltungskäfig und endlich so zu machen, wie es ihr in den Kopf kommt. Nach 19 Jahren Behörde schwamm sich „Arielle“, wie sie zur Schulzeiten wegen ihrer „volle Kanne orangen Haare“ genannt wurde, frei.

Die Künstlerin in sich

Susann Seifert mit einem ihrer Werke, Foto: Jens Paul Taubert

Susann Seifert mit einem ihrer Werke, Foto: Jens Paul Taubert

Zusammen mit Graffitikünstler Ralf Hecht gründete sie die „Farbküche“ und gab damit ihrer kreativen Ader Raum. „In der Farbküche steckt ganz viel von mir drin. Ich bin die, die wie ein Wirbelwind rumrennt und die Party macht. Wenn Ralf dann doch mal was sagt, sitzt das“, erzählt sie lachend und ihre Augen funkeln. Viele hätten bei all der „Party“ gar nicht wahrgenommen, dass sie auch male. „Ich hab schon unabhängig von Ralf zu Ordnungsamtzeiten mit dem Sprühen angefangen. Ich sollte Graffiti eindämmen und wollte halt wissen, wie das geht.“ Von der Dose war der Weg zu Pinsel und Stift nicht mehr weit.

Ihre Werke gleichen oft gemalten Spiegelbildern. Trauer, Wut, aber auch ihre eigene Unsicherheit malt sie sich von der Seele. Überhaupt sei die Arbeit an der (Lein)Wand in den zahlreichen Schul- und Kitaprojekten, die die „Farbküche“ gestaltet, sehr bereichernd: „Sobald wir an der Wand stehen und sprühen, das ist Wahnsinn, was dort für wichtige Gespräche geführt werden, egal wo wir sind.“ So ein Buch über dieses „Wandgefüster“ kann sie sich bildlich vorstellen.

Farbküche – Stadtmensch – Gründerlabor

Apropos: Fantasie und ein Kopf, in dem seit ihrem Ausstieg bei der Stadt zahlreiche Schranken gefallen sind, gehören zu ihren wichtigsten Werkzeugen. Und ein großes Herz für andere und ihre Ideen. Aus Gründen hat sie das Fundament ihrer Selbständigkeit „Erlebe was geht gGmbH“ genannt, darauf die „Farbküche“, dann die „Stadtmenschen“ und schließlich das Gründerlabor „Ahoi Altenburg“ gesetzt. Ein Konstrukt, das von außen betrachtet Erklärungsbedarf hat, aber eigentlich organisch gewachsen ist. Da sind die 370 000 Euro aus der Schweiz der logische nächste Schritt für einen Fünf-Jahres-Plan, der die Skatstadt sichtbarer in der bundesweiten Gründerlandschaft machen will.

Bis sie diesen Schritt jedoch machen durfte, galt es acht Monate reinbuttern und ein dreistufiges, sehr aufwendiges Antragsverfahren zu überstehen. Mit dem Happy End in grünem Licht am 1. Dezember! „drosos war immer meine Traumstiftung, denn ich finde schon lange toll, was die machen.“ Aber sie hätte sich erstmal rantasten müssen. „Angst vor großen Zahlen hab ich schon seit 2018 keine mehr. Aber es haben sich im Prozess einige Berge aufgetan, die ich bezwingen musste“, betont sie nicht ohne das „gemeinschaftliche Miteinander“ mit den Stiftungsmitarbeitern hervorzuheben.

Ich will’s immer schön haben

Miteinander, statt jeder für sich. Gemeinsam für die Mission, statt allein im stillen Kämmerlein, das ist Susann Seifert extrem wichtig. „Ich will’s immer schön haben und bin sehr harmoniebedürftig. Das stand sogar mal in meiner Beurteilung als negativer Aspekt. Aber das ist halt so.“ Mehr als ein Schulterzucken entlockt ihr die Einschätzung aus der Vergangenheit nicht mehr. „Mittlerweile finde ich selbst gut, was ich mache. Ich find’s auch in Ordnung, wenn man mich nicht mag. Ich bin chaotisch und manchmal ist es ja auch gut, wenn man nicht alles weiß.“ So nachsichtig und positiv sie den meisten Mitmenschen gegenüber tritt, bei einer Art von Spezies stellen sich dann doch ihre Nackenhaare auf: „Menschen mit narzisstischen Zügen, bei denen es gar nicht mehr um die Sache geht, da kann ich nicht mit.“

Deshalb umgibt sie sich lieber mit jenen, die ihr gut tun. Die ähnlich „verrückt“ ticken wie sie und auch Bock darauf haben, Altenburg ein bisschen umzukrempeln. „Wir brauchen mehr Menschen, die ihr eigenes Ding machen können, denn die sind wissenschaftlich belegt glücklicher.“ Das wiederum führe zu positiverer Stimmung in der Stadt, weil mehr Bock hätten und zur Vielfalt beitragen würden. „Ich hoffe, dass Stadtmensch – so in der Konstellation, wie wir es jetzt leben – auch die Bedenkenträger dazu anregt, künftig mehr Vertrauen in uns zu setzen. Es mag chaotisch wirken, aber im Hintergrund sind trotzdem wichtige Gedanken dabei.“

Susann Seifert und Maike Steuer bei Live und in Farbe, Foto: Sarah-Ann Orymek

Susann Seifert und ich bei Live und in Farbe, Foto: Sarah-Ann Orymek

Mit der Risikofreude vom Papa

Das Bedürfnis, die Zeit zurückzudrehen und wieder auf geregelten Pfaden zu wandeln, hatte der Freigeist nie. Vielmehr überwiegt die Freude, #selbermachen zu können – auch ohne Netz und doppelten Boden. „Meine Eltern haben sich zur Wende selbständig gemacht und mir vorgelebt, wie man selbst bestimmt einen geilen Job macht. Ich glaube, die Risikofreude habe ich von meinem Papa.“ Überhaupt sei ihr Leben jetzt viel geiler und passe sowieso in kein Arbeitszeitmodell rein, merkt die Nachteule grinsend an.

Am ersten Februar beginnt das neue Kapitel „drosos“ offiziell, während der „alte“ Stadtmensch noch bis Ende des Jahres Zeit hat, seine Angelegenheiten zu Ende zu bringen. Susann Seifert freut sich auf die kommende Veränderung und die große Chance, „ihr“ Baby beim erwachsener werden begleiten zu dürfen. Genauso wie all die Gründer und Ideenhaber, die in den nächsten fünf Jahren den Weg in die „Stadtmenschzentrale“, das Open Lab in der Moritzstr. 6, finden werden. Vielleicht ein wenig schüchtern, unsicher, ob die eigene Idee das Potenzial hätte, Früchte zu tragen, auf der Suche nach Unterstützung. Susann Seifert möchte sie ihnen geben. „Ich habe gemerkt, wie schön es ist, das zu machen, was Spaß macht und Sinn stiftet. Das hier ist mein Beitrag, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wenn man dann sieht, wie andere abgehen und auch Freude dran haben, selberzumachen, das motiviert mich.“

Allen Couchpotatoes und Anhängern der „hätte, könnte, würde“-Bewegung gibt sie ein „Dranbleiben“ mit fettem Ausrufezeichen mit. Sie ist das beste Beispiel dafür, was alles möglich ist, wenn man den eigenen Ideen eine Chance auf Entfaltung gibt. „Das was kommt, wird geil! Jetzt hat Stadtmensch, jetzt haben wir alle eine Perspektive weiter zu wachsen. Darüber hätte ich mich gern auch mit meinem Papa gefreut!“

Gemeinsam statt jeder für sich, Foto: Jens Paul Taubert

Gemeinsam statt jeder für sich, Foto: Jens Paul Taubert