„Na Mensch, ihr macht ja Sachen!“ Nicht wenige Altenburger hielten am Donnerstag verdutzt inne oder verlangsamten ihren Schritt beim Spaziergang über den Altenburger Markt. Grund: Eine kleine Bühne und 15 Künstler, die über den ganzen Tag verteilt „Live und in Farbe“ das taten, wofür und wovon sie eigentlich leben – und „nebenbei“ ein gemeinsames Kunstwerk sprühten, das dafür gemacht und gedacht ist, Gutes zu tun. Zusammen mit Susann Seifert von der Farbküche sah ich dabei zu, wie eine kleine, verrückte Idee mit Hilfe von vielen tollen Menschen in Windeseile Bühnenreife erlangte und für „Freie Sendezeit für Freie Künstler“ des MDR Kultur verfilmt wurde. „Live und in Farbe“ – Der Dreiteiler!

Teil 1: Von Anfang an bis Lothar Ross
Teil 2 am So, 22.11.: Von Katerina Vlasova bis Manuel, Marek & Ekki
Teil 3 am Mo, 23.11.: Was bleibt: Frisch gesprühtes und ein Kulturliebhaberbeutel

Trüb breitet sich der November an diesem Donnerstag aus, berühren dicke Wolken fast das nasse Kopfsteinpflaster des Altenburger Marktes. Jetzt bloß dicht halten! Dauerregen ist das Letzte, was wir gebrauchen könnten. Bei einer Aktion, die man v. C. Wochen vorher schon als „Kulturfestival“ beworben hätte, auf das der riesige Platz mitten in der Stadt sich fülle mit hunderten von Menschen, die gemeinsam das Line-up aus 16 Künstlern aller Sparten bejubeln.

So jedoch übt sich nicht nur die Bühne größentechnisch in Zurückhaltung. Auch das Event darf keins sein, sondern „nur“ ein Filmdreh mit Kreativschaffenden und allerhöchstens „Laufpublikum“, das nicht verharrt, sondern lediglich seine Schritte über den Markt verlangsamt. Doch die Bühnenluft weht trotzdem. Die Möglichkeit, endlich wieder das zu tun, wofür und wovon sie leben, stimmt die Künstler froh. „Fast surreal“, empfindet es Franziska Haucke. Zusammen mit Mann Reinhard waren 19. November in den letzten 20 Jahren meist mit reichlich Musik an unterschiedlichsten Orten gefüllt. Dass die 2020er Edition da keine Ausnahme bildet, macht die Sängerin glücklich.

Zwei Kreative, eine Idee, fünf Tage Zeit

Live und in Farbe Macherinnen Susann und Maike, Foto: Privat

Live und in Farbe Macherinnen Susann und Maike, Foto: Privat

Möglich machen es 15 Minuten, die sie „Live und in Farbe“ gestalten können. Eine Viertelstunde von insgesamt über acht Stunden Kunst und Kultur an diesem Tag, die Montagnacht auf fünf Minuten komprimiert im Fernsehen gezeigt werden. Um in der letzten Stunde vor Mitternacht „Freie Sendezeit für Freie Künstler“ zu füllen. Ausgeschrieben vom MDR Kultur, nahmen Susann Seifert von der Farbküche und ich uns dem Ideenwettbewerb an, sponnen in einem einstündigen Telefonat einen Tag vor Bewerbungsfrist eine verrückte Idee, bekamen nur drei Tage später die Zusage, dass wir eins von 15 aus über 350 sind, die #selbermachen dürfen, um fünf Tage später mit der Unterstützung von über 30 Mitwirkenden einen Film zu drehen… “ Jede Menge Zahlen, die in der Summe einen wunderbaren Tag wie fast normal ergaben und mir persönlich mal wieder volle Möhre gezeigt haben, in Altenburg geht was oder wie Susann es so schön auf den Punkt bringt: „Mit den richtigen Leuten an Bord läuft’s halt!“ 😉

Dive in – Acoustic Duo

Dive in Acoustic Duo in Aktion, Foto: Ralf Hecht

Dive in Acoustic Duo in Aktion, Foto: Ralf Hecht

Mit der Brüderkirche im Rücken und jeder Menge Spielfreude im Gepäck legten Sängerin Maria (28) und Gitarristin Sanni (29) vom „Dive in – Acoustic Duo“ als Erste los. Mit ihren Coversongs „mit eigenem Anstrich“ rockten sie den Markt und ernteten manch irritierten Blick von den überraschten Passanten. Ein Konzert in Corona-Zeiten. Nein, „nur“ ein Filmdreh. Für das Duo rum wie num. „Sobald wir auf der Bühne stehen, ist es wie eine andere Welt. Ein Gefühl von Freiheit voller Emotionen“ – und „live und in Farbe“ ein Heimspiel für die gebürtige Altenburgerin Maria: „Ein super Aktion und eine tolle Chance, hier in ABG zu spielen!“

Eileen Mätzold, Literatin

Eileen Mätzold, 24. Studierende, Literatin, Foto: Maike Steuer

Eileen Mätzold, 24. Studierende, Literatin, Foto: Maike Steuer

Kaum ist der letzte Akkord verklungen, wird es literarisch. Wortakrobatin Eileen Mätzold übernimmt und trägt eine Auswahl ihrer Werke vor. Texte aus dem eigenen erLeben, die für ihre eigenen Ansprüchen vor allem eins sein müssen: „nah an der klanglichen Perfektion.“ Auch wenn der Fokust der 24-Jährigen auf dem Schreiben liegt – in  der Heimatstadt auf der Bühne stehen zu können, findet die Studierende sehr gut. „Es ist schön, hier lesen zu können und so allen eine Stimme zu geben, die grade zum Schweigen verdammt sind.“ Nicht nur in diesen besonderen Zeiten brauche Kunst und Kultur eine Bühne, sondern grundsätzlich und immer. „Aber erst in der Krise wurde von vielen wahrgenommen, wie wichtig sie sind, weil sie fehlen.“

Andreas Hinkel, Maler

Andreas Hinkel auf der Bühne, Foto: Maike Steuer

Andreas Hinkel auf der Bühne, Foto: Maike Steuer

Obwohl seine Kunst keine Bühne braucht, um atmen zu können, trat Andreas Hinkel als Nächster vors Mikro. Eingerahmt von seinen opulenten Werken als einem großen „Bühnenbild“, füllte er seine Viertelstunde Rampenlicht, um einen öffentlichen Brief an Politik und Regierung zu verlesen. „Dieser Auftritt war der Höhepunkt der Aufregung diese Woche. Ich hab mich gefreut, hier dabei sein zu können und unterstütze diese Aktion sehr gerne.“ Normalerweise fehle ihm meist die Zeit dafür. Ihm, dem „intensiven Arbeiter“, der an manchen seiner Bilder Jahrzehnte arbeitet, bis sie vollendet sind: „Ich habe eine Arbeit da, die habe ich 1999 angefangen, die berührt jetzt zeitnah.“

Franziska und Reinhard Haucke

Franziska und Reinhard Haucke, Musiker, Foto: Maike Steuer

Franziska und Reinhard Haucke, Musiker, Foto: Maike Steuer

Ihr besonderer Draht zu Gott und ihr Glaube in ihn, vertonen Franziska und Reinhard Haucke in ihren tiefgründigen Songs. Eigene Stücke vor keinem Publikum mitten in der Stadt zu spielen, ist für das Duo etwas mehrfach spannendes: „Eigene Songs zu spielen, noch dazu hier auf dem Markt, wo zwei davon entstanden sind, ist echt besonders“, betont sie. Genau wie ihre neue CD – die es ohne Corona nicht gäbe. „Durch Corona haben wir viele neue Sachen ausprobiert, den digitalen Gottesdienst „GottImPuls“ gestartet, wurden vom ZDF übertragen und hatten plötzlich 130 Vorbestellungen für unsere CD.“

Anja Losse, Tanzpädagogin

Anja Losse, 42, Tanzpädagogin, Foto: Maike Steuer

Anja Losse, 42, Tanzpädagogin, Foto: Maike Steuer

Schritt für Schritt erzählt Anja Losse ihre Geschichte gestern wie heute. Ihr TanzRaum? Geschlossen. Ihre Projekte: Auf Eis. Ein Zustand, der der Tanzpädagogin und Choreographin an die Substanz geht, weil das Wichtigste in ihrem Leben plötzlich fehlt. Umso mehr genießt sie ihre 15 Minuten Bühne: „Ich find’s genial, dass das heute hier geklappt hat, auch wenn ein kleines, trauriges Gefühl dabei war, weil ich am liebsten die Leute, die Zuschauer animiert hätte, mitzumachen, aber das geht ja nicht“, ist sich die 42-Jährige bewusst. Doch so wie Shakira singt: „I won’t give up, no, I won’t give in“, denkt auch die Choreographin nicht daran, aufzugeben. Im Gegenteil: Aktuell hat sie gleich zwei Projekte im Rennen beim Voting von #selbermachen 2.0 – dem Ideenaufruf der Stadtmensch Initiative.

Lothar Ross, Zauberkünstler

Lothar Ross, Zauberer, Foto: Maike Steuer

Lothar Ross, Zauberer, Foto: Maike Steuer

Gewohnt, der Schwerkraft zu trotzen und eine Welt der Illusionen zu kreieren, gelingt es selbst Magier Lothar Ross nicht, die Krise einfach wegzuzaubern. Seit er mit 14 Jahren seinem Cousin auf einer Familienfeier bei seiner Zaubershow zusah, beanspruchen die Tricks und faszinierenden Kunststückchen sehr viel Lebensraum für sich – und funktionieren am besten getragen vom Echo des Publikums. „Manchmal ist ein wirklich gutes Kunststück eins, wenn die Zuschauer das Klatschen vergessen.“ Seit fünf Jahren in Meuselwitz der Liebe wegen zu Hause, fehlt dem gelernten Elektromeister im Ruhestand seine Zeit im Rampenlicht. „Das kann keiner nachvollziehen, der noch nie auf einer Bühne stand. Dieses Gefühl! Das macht süchtig!“ Den unfreiwilligen Entzug durch die Krise versucht er durch intensive Lektüre von Fachzeitschriften und das Tüfteln an neuen Tricks zu kompensieren, wobei: „Es ist schön, sich damit zu beschäftigen, bloß interessiert es grad gefühlt ‚keinen‘.“

Next! Teil 2, So. 22.11.: Von Katerina Vlasova bis Manuel, Marek & Ekki

Sendezeit!

Am Montag um 23:10 Uhr sind unsere dollen fünf Minuten im MDR zu sehen. Wem vor Ausstrahlung die Augen zufallen – in der ARD Mediathek findet ihr den Mini-Film von Hendrik Sadowski bis Mitte Februar.

Wir sind „Live und in Farbe“:

Idee:
Susann Seifert, Erlebe was geht gGmbH
Maike Steuer, Altenburger Landleben

Organisation:
Susann Seifert, Erlebe was geht gGmbH
Maike Steuer, Altenburger Landleben
Susanne Stützner / Heike Schramm, Stadt Altenburg
Constance Böhme

Film:
Hendrik Sadowski, ALUMATEL Video- und Filmproduktion
Silvio Schmidt / Jessica Paeschke

Ton:
Anton Eßwein, Wo lang? UG

Bühne:
Thomas Groschopp, Licht-, Ton- und Veranstaltungstechnik

Redaktionelle Begleitung:
Maike Steuer, Altenburger Landleben

Graffitiaktion:
Ralf Hecht, Farbküche
Robin Jahn, Farbküche

Catering:
Sarah-Ann, Gabi Orymek,
Mobiles Spielecafé

Dokumentation:
Jens Paul Taubert
Maike Steuer
Susann Seifert
Ralf Hecht

Kulturliebhaberbeutel:
Susann Seifert
Maike Steuer
Constance Böhme

Kulturfonds:
Kulturstammtisch Altenburg

Beratung zu Corona-Hilfen:
Tino Scharschmidt, Wirtschaftsförderung

Weitere Mitwirkende:
Frank Kleinwächter, Farbküche
Yvonne Ammer, Schnitt und Schnittchen
Rico Scheffler
Lindenau-Museum

Künstler*innen
Dive In – Acoustic Duo, Musiker
Eileen Mätzold, Literatin
Franziska und Reinhard Haucke, Musiker
Andreas Hinkel, Künstler
Anja Losse, Tanzpädagogin
Lothar Ross, Zauberer
Katerina Vlasova, Tänzerin
Thomas Suchomel, Künstler
Sisters in Action, Chor
Marionettentheater Dombrowsky
Angelika Lange, Künstlerin
Julian Nort, Physical Comedian
Robert Herrmann, Musiker
Colours of Soul, Gospelchor
Manuel Schmid, Marek Arnold, Ekki Dreßler, Musiker
Ron Anger, Künstler