Wow, wie cool, dachte ich mir, als ich Mitte Mai vom Erfolg Tina Neumanns las. Denn die 17-jährige Gymnasiastin aus Meuselwitz sicherte sich mit ihren Gedichten einen von zehn ersten Preisen beim Landeswettbewerb „Junges Literaturforum Thüringen-Hessen“ und ließ 390 Nachwuchsschreiber hinter sich. Ich wollte mehr wissen und schickte ihr zehn Fragen und die Bitte: Sag nichts, sonder schreib mir deine Antworten! 😉 Et voila!

Es war einmal ein kleines Mädchen, das entdeckte eines Tages einen großen Wortschatz… Wie nahm deine literarische Geschichte ihren Anfang?

Eigentlich schreibe ich, seitdem ich in der Grundschule das Schreiben gelernt habe. Auch das Lesen war schnell eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. So kam es, dass ich meine Ideen und Einfälle, die man als kleines Kind so hat, in Worte umwandeln wollte. Glücklicherweise durfte ich in der Grundschule beizeiten das Zehn-Finger-System lernen, sodass ich meine Geschichten selbst in den Computer eintippen konnte. Bis zur vierten Klasse waren einige Geschichten, aber auch schon erste Gedichte zusammengekommen. Nach meinem Wechsel aufs Gymnasium eroberten die Gedichte schleichend mein Herz und meinen Kopf. Jetzt ist der Großteil meiner Texte lyrischer Natur.

Manche tun es am liebsten im Bett, andere auf der Couch und wieder andere schreiben am liebsten im Garten. Wo übst du dich am liebsten in Wortakrobatik?

Das kommt ganz auf den Text an, an dem ich gerade schreibe. Aber meistens sitze ich am Schreibtisch – auch ein Schreibtisch kann ein sehr inspirierender Ort sein. Manche Gedichte schreibe ich aber lieber woanders, ich sitze gern im Garten, aber auch auf längeren Autofahrten sind schon Texte entstanden.

Liebe, Freunde, Alltäglichkeiten, wie „findest“ du deine Themen? Laufen sie dir zu oder was inspiriert dich?

Meistens laufen mir die Ideen nicht zu – sie sind schon da und ich entdecke sie im Vorbeilaufen – oder auch nicht, wenn sie gut versteckt sind: Dann sehe ich sie vielleicht erst beim zweiten, dritten, vierten Mal. Oder nie. Ich mag es, zu beobachten. Manchmal sind es kleine, zunächst unscheinbare Dinge, Ereignisse, Gefühle, die den „Anstupser“ zu einem neuen Text geben.

Gerade erst hast du einen ersten Platz beim Literaturforum Hessen-Thüringen abgesahnt. So wie auch schon bei zahlreichen anderen Wettbewerben. Nimmst du einfach gern Platz oder was reizt dich an Literaturwettbewerben?

Literaturwettbewerbe sind für mich eigentlich nur ein Zusatz. Ich schreibe nicht, um meine Texte irgendwo einzureichen. Aber Wettbewerbe sind eine gute Möglichkeit, eine fachliche Meinung, eine Rückmeldung zu erhalten.

Wie wählst du aus, welche Texte du einreichst? Nach Bauchgefühl?

Ja, nach Bauchgefühl.

Reim dich, oder ich fress dich… Wie machst du dir einen Reim auf Dinge?

Reime sind eine tolle Sache, wenn sie zum Gedicht passen.  Sie geben dem Gedicht gewissermaßen eine strengere Form, eine strukturelle Ordnung – aber nicht jedes Gedicht will so etwas haben… Wenn man sich allerdings für Reime entscheidet, müssen sie sich wirklich in das Gedicht einfügen, damit man bei keinem Vers skeptisch wird und auf die Idee kommt: „Oha, das Wort ist jetzt aber nur hierhin gerutscht, damit es sich reimt.“ Ich persönlich greife eigentlich nur zu einem Reimschema, wenn ich Genres wie die Ballade oder die Fabel wähle. Aber dann gebe ich dem Gedicht auch ein festes Metrum – Metren sind für mich in meiner Schreibertätigkeit von größerer Bedeutung als Reime, aber das ist nochmal ein Thema für sich.

Ich schreibe, also bin ich. Stimmt das für dich oder ist es „nur“ ein Hobby, aber eigentlich planst du nach der Schule Chemielaborantin oder Leistungssportlerin zu werden?

Ich schreibe, also bin ich mir ziemlich sicher, dass ich noch viele Jahre lang literarische Texte verfassen werde. Allerdings habe ich nicht vor, mein Hobby zum (Haupt-)Beruf zu machen. Denn ich möchte nicht, dass ich die Kreativität irgendwann aus mir heraus zwingen muss, weil sonst kein Geld mehr aufs Konto kommt.

Wann fehlen dir die Worte?

Wenn mir seltsame Fragen gestellt werden.

„Echtes“ Buch oder eBook? Und welche magst du besonders?

Sowohl als auch. Natürlich ist es ein anderes, schöneres Gefühl, ein „echtes“ Buch in der Hand zu halten. Aber eBooks haben ihre Vorteile: Auf Autofahrten im Dunkeln zu lesen ist plötzlich kein Problem mehr. Beim Lesen von englischsprachigen Büchern geht es viel schneller, unbekannte Wörter zu übersetzen.

Ich selbst lese (Überraschung!) gern Sachbücher. Besonders interessieren mich die Themen Natur und Psychologie. Aber ich mag natürlich auch Gedichtbände, zum Beispiel von Heinz Erhardt. Ansonsten sieht es in meinen Bücherregalen sehr bunt aus, ich bin nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt.

Wenn deine Hände plötzlich vergessen hätten, wie man schreibt, wär das für dich…

… schon ziemlich blöd – aber solange mein Kopf nicht vergisst, wie man schreibt, ist alles halb so wild.

Ein Freundschaftsfest für Anapäst

von Tina Neumann

Für Anapäst war es normal,
sich in Gedichten kaum zu sehen
und ihm war seine Seltenheit
als Metrum keinesfalls egal.
Doch lernte er im Lauf der Zeit
auf seine Art, sie zu verstehen:
mit viel – sehr viel – Bescheidenheit.
Am Samstag fuhren mit dem Bus
Trochäus und auch Daktylus
zu Jambus heim – der Metrenbund
traf sich zu dritt aus gutem Grund,
denn es stand dringend zur Debatte,
dass Anapäst am 12. Mai –
und das war bald! – Geburtstag hatte.
Ihm selber war das einerlei –
Er brauchte kein Geburtstagsfest,
weil er sich gar nicht feiern wollte.
Doch fanden sie, dass Anapäst
an dem Tag nicht allein sein sollte –
Sie überlegten ziemlich lange:
Geburtstag feiern war zwar Brauch,
ein Freundschaftsfest ging aber auch,
wo niemand Hauptfigur sein musste.
Bald war die Planung voll im Gange,
wovon nur Anapäst nichts wusste!
Sie luden alle Freunde ein –
Es schlug natürlich keiner aus
bei Daktylus im Sommerhaus
am 12.05. Gast zu sein:
Zur Vorbereitung kamen dann
um drei die ersten Gäste an,
zuerst Familie Haufenreim
samt Drillingen, die von daheim
Girlanden mitgenommen hatten –
und das Kadenzsche Ehepaar,
das oft nicht einer Meinung war,
trug zwei verschiedne Kuchenplatten.
Metapher schleppte ziemlich stolz
ihr selbstgemaltes Bild treppauf –
Es blühten Tintenblumen drauf,
hübsch eingerahmt mit Eichenholz.
Dann stand schon Waise vorn am Tor,
sie hatte Kerzen mitgebracht.
An die Musik war auch gedacht:
denn Onomatopoesie
war wirklich ein Gesangsgenie,
daneben, mutig monoton,
stand startklar: Alliteration,
die Klimax spielte am Klavier,
sie probten fleißig bis halb vier.
Frau Vers verteilte unterdessen
das Tischgedeck fürs Kuchenessen
mit Dr. Gestus, dem Charmeur,
er half ihr gern – er fand Gehör!
Und sprach nun sehr gewissenhaft
von Stimmungsschwankungswissenschaft.
Auch Daktylus – als Herr im Hause –
erlaubte sich nicht eine Pause,
Trochäus schaute auf die Uhr,
noch immer fehlte jede Spur
von seinem Kumpel Zeilensprung,
der hatte wohl den Weg nicht mehr
so richtig in Erinnerung –
und dann im schnellen Schriftverkehr
das Abfahrtsschild nicht wahrgenommen.
Egal… bald war er angekommen.
Und Jambus hatte Anapäst
derweil zum Sommerhaus gelockt,
der war verblüfft, ja fast geschockt,
zutiefst gerührt von einem Fest
mit Freunden, die er selten sah –
Sie waren da, von fern und nah,
er wusste nicht, wie ihm geschah.
Hier endet leider mein Gedicht –
Das Fest war schließlich ganz privat
und Gast war ich als Dichter nicht.
Doch, das erfuhr ich in der Tat,
was noch am selben Tag passierte:
Familie Haufenreim entschied
sich kurzerhand und adoptierte
die Waise – Welchen Unterschied
gibt schon ein bloßer Endreim vor?